Die Wild Wings haben einen neuen Trainer. Gestern wurde im Rahmen einer Pressekonferenz der gebürtige Tölzer Axel Kammerer vorgestellt. Kammerer, der letztes Jahr für alle überraschend eine blutjunge, namenlose - und am Ende ohne Geld spielende - Tölzer Mannschaft auf Platz 2 der Liga geführt hat, unterschrieben einen 1-Jahres-Vertrag am Neckarquell.
Auf den ersten Blick gibt es einige Parallelen zu Jari Pasanen, der im Vorjahr auch von vielen sehr positiv als neuer Trainer empfangen wurde. Genau wie bei Pasanen stellt sich jetzt auch bei Kammerer Euphorie ein und wir Schwenningen sollten als gebrannte Kinder eher Bescheidenheit walten lassen. Aber zurück zu den Parallelen. Beide waren Assistenztrainer in der DEL: Kammerer in Kassel und Köln, Pasanen in Hannover. Beide hatten danach Erfolg in einem unterklassigen Club. Pasanen in Essen, Kammerer in Bad Tölz. Und bei beiden steht vor dem Wechsel nach Schwenningen eine Insolvenz beim letzten Club ins Haus.
Ein schlechtes Omen? Male ich damit den Teufel an die Wand? - Nein, ich glaube nicht. Denn wenn man die Oberfläche verlässt und etwas tiefer hineinblickt, dann sieht man deutliche Unterschiede zwischen beiden Trainern und wesentlich bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Saison mit Axel Kammerer. Ich möchte den Vergleich an drei Parametern durchführen:
Zeit als Spieler: Kammerer hat über 600 Spiele in der höchsten deutschen Liga und 130 A-Länderspiele absolviert und wurde mit dem Sportbund Rosenheim auch deutscher Meister. Durch seine Engagements in Rosenheim, Berlin, Kaufbeuren und Ratingen ist er in ganz Eishockey-Deutschland renommiert und anerkannt und verfügt neben der Erfahrung und den Erfolgen auch über ungezählte Kontakte zu ehemaligen Mitspielern, Trainer und Funktionären. Pasanen dagegen dümpelte als Spieler eher in den niederen Ligen her rum, schaffter gerade einmal eine Saison in der DEL. Als Ausländer war es für ihn auch schwerer ein vergleichbares Standing zu erreichen. Er ist kein schlechter Spieler gewesen, aber es gibt schon Unterschiede zwischen Schweinfurt und Rosenheim oder zwischen Wilhelmshaven und der A-Nationalmannschaft. 1:0 für Kammerer
Zeit als Assistenztrainer: Jeder große Trainer muss lernen. Kaum einer ist der geborene Trainer, der direkt nach seiner Spielerkarriere das Trainerzepter erfolgreich schwingen kann. Man muss lernen, man muss Fehler begehen, man muss sich die Hörner abstoßen. Pasanen blieb zuerst bei seinem letzten Club Schweinfurt für zwei Jahre und blieb damit in einem bekannten Umfeld. Danach ging er nach Hannover um zu lernen. Mit Kevin Gaudet hatte er dort einen sehr erfahrenen Trainer, der die Scorpions auch in die DEL führte, dem die ganz großen Erfolge in der höchsten deutschen Liga aber verwehrt blieben. Auch blieb Pasanen dort nur ein Jahr. Kammerer dagegen ging nach seiner Spielerkarriere bei einem Tölzer Kollegen in die Lehre. Zwei Jahre in Kassel und ein Jahr in Köln lernte er unter einem der größten deutschen Trainer: Hans Zach. Viel besser kann man es kaum treffen. Zach als mehrfacher deutscher Meister und ehemaliger Nationaltrainer kennt jeden schmutzigen Trick und jeden noch so absurden Trainer-Kniff. Kammerer wird hier viele Einblicke bekommen haben, dazu auch noch bei 2 Clubs. 2:0 für Kammerer
Zeit als Cheftrainer: Pasanen ging nach seinem Assistenzjahr für zweieinhalb Jahre zu den Moskitos Essen und erreichte jeweils die Play-Offs. Am Ende war man insolvent. Kammerer scheiterte in seiner erste Station in Kassel, stieg mit den Tölzer Löwen ab und musste sich durch die Oberliga wieder nach oben kämpfen bis er dieses Jahr endlich sportlich überzeugen konnte. Auch in Tölz ging man zum Ende insolvent. Kammerer ist zwar auf den ersten Blick mit Entlassung in Kassel und Abstieg in Tölz wenig erfolgreich gewesen, allerdings sehe ich seine Arbeit in Tölz für fundierter und nachhaltiger an. Während Pasanen in den Essener Jahren immer sehr davon lebte mit Mulock bzw. Bartek den Liga-Topscorer in seinen Reihen zu haben und die Spiele hauptsächlich durch bedingungslose Offensive gewinnen konnte, kann Kammerer auf der Klaviatur der Eishockeytaktiken mehr Varianten spielen. Pasanen scheiterte bei uns mit einem Defensivsystem, Kammerer konnte Tölzer Eigengewächse in den Kader einbauen und überzeugte mit einem von der Intensität lebenden System und einem homogenen Kader. Auch den Ausfall von vermeintlichen Stars wie Yannick Dube konnte Kammerer mit seinen Buam wegstecken. Man wird sehen wie er bei uns mit einer neu zusammengestellten Mannschaft und dne Erwartungen zurecht kommt. In Tölz hatte er ein gewachsenes Team und kaum Erfolgsansprüche. Bei uns ist das etwas anders. 2,5:0,5 für Kammerer
Insgesamt schneidet Kammerer von den Voraussetzungen her deutlich besser ab. Er muss aber jetzt beweisen, dass er in einem neuen Umfeld mit neuen Spielern wieder ein Team wie im Vorjahr formen kann. Ich hoffe, dass seine Zeiten des Scheitern mit dem Mißerfolg in Kassel und dem Tölzer Abstieg vorbei sind und wünsche ihm in Schwenningen viel Erfolg und eine glückliche Hand.
Ganz unabhängig davon kommt noch dazu, dass die Kammerer mit Stefan Wagner einen guten Manager an seiner Seite hat. Pasanen werkelte viel alleine oder mit Petr Kopta. Das jetzige Duo wirkt da wesentlich kompetenter.
Fazit: Wenn Kammerer nach 2 Spieltagen noch nicht mit 10 Punkten Vorsprung die Tabellen anführt, sollte man ihn umgehend entlassen.



es ist mir nicht ganz klar wieso die Tölzer Mannschaft in dem Beitrag als "namenlos" bezeichnet wird. Dubé alleine ist prominenter als jeder beliebige SERC-Spieler, Mulock ist Nationalspieler, Silverthorn kam als guter AHL-Goalie, Borzecki seit zweieinhalb Jahren bekannt für starke Defensivarbeit. Ein No-Name-Team kann/konnte ich nicht erkennen.
Ansonsten teile ich die fachliche Einschätzung zu den Trainern. (Sympatisch ist Kammerer dadurch trotzdem nicht.)
Auf spannende Derbys 09/10 !!
im Nachhinein ist das sicher richtig. Aber im Vorfeld sah das anders aus. Da war Mulock kein Nationalspieler und nur einer von vielen sehr guten Oberliga-Spielern, Silverthorn hat gerade mal 13 AHL-Spiele bestritten. Borzecki, Dube: Ja okay. Aber eine gute Reihe mit bekannten Spielern reicht für mich nicht aus um von einer "Startruppe" oder sowas zu spielen. Der Großteil des Kaders hat deutlich über den Erwartungen gespielt.
Ich habe gerade eben gelesen Silverthorn kommt zu euch. Bin schwer gespannt, wie der sich entwickelt. Glaube der hat hohes Potenzial!